Betriebe in Deutschland nutzen zu wenig agile Methoden

 

Eine internationale Online-Umfrage bei 655 Unternehmen aus 16 hoch entwickelten Industrienationen hat gezeigt, dass die Unternehmen der anderen Länder bereits 2019 mit digitalen Services und Geschäftsmodellen im Mittel mehr als 40 % ihres Umsatzes erwirtschafteten. In deutschen Unternehmen lag die Rate bei nur 25 %. Deutsche Unternehmen liegen damit deutlich zurück.

• Deutsche Unternehmen sind Schlusslicht bei einem Vergleich von Unternehmen aus 16 Ländern.
• Digitale Dienstleistungen und Geschäftsmodelle machen weniger als ein Viertel der Umsätze deutscher Industrieunternehmen aus.
• Deutsche Unternehmen hinken auch bei der Nutzung agiler und offener Entwicklungsmethoden und Arbeitsweisen hinterher.

Infografik zeigt den Anteil digitaler Dienstleistungen am Umsatz. Ergebnis einer Online-Umfrage bei 655 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes aus 16 führenden Industrienationen des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) der Hochschule Karlsruhe (HKA).

Ein wesentlicher Grund für die unterdurchschnittlichen Umsätze deutscher Unternehmen mit digitalen Services und Geschäftsmodellen ist, dass deutsche Betriebe im internationalen Vergleich weniger agile und offene Entwicklungsmethoden nutzen.

Steffen Kinkel, Professor im Fachbereich Wirtschaftsinformatik und Leiter des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) der Hochschule Karlsruhe (HKA), erklärt: „Die Studienergebnisse zeigen, dass agile Entwicklungsmethoden einen großen Einfluss auf die Fähigkeit der Unternehmen besitzen, Umsätze mit digital vernetzten Produkten, Services oder Geschäftsmodellen zu generieren.“

Internationaler Vergleich: Agile und offene Entwicklungsmethoden in der Produktentwicklung auf dem Vormarsch

Agile Entwicklungsmethoden stammen ursprünglich aus der Softwareentwicklung, werden aber auch zunehmend in der Produktentwicklung angewendet. Sie zeichnen sich insbesondere durch die Arbeit in selbstorganisierten Teams. Zudem werden die Kunden von Anfang an in die Projekte miteinbezogen und können die ersten „Prototypen“ der Entwicklung frühzeitig testen und Feedback zur Weiterentwicklung geben. In einer wachsenden Anzahl von Unternehmen ergänzen sie mittlerweile klassische Vorgehensweisen der Produktentwicklung oder lösen diese ab.

Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Bedeutung agiler und offener Entwicklungsmethoden standen für die Untersuchung folgende Fragen im Vordergrund:

  • In welchem Umfang nutzen Unternehmen der klassischen produzierenden Industrie bereits agile und offene Entwicklungsmethoden?
  • Wo liegen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich bei der Verwendung agiler und offener Entwicklungsmethoden?
  • Welche Auswirkungen hat der Einsatz innovativer Entwicklungsmethoden auf den Umsatz mit digitalen Services und Geschäftsmodellen?

Um diese Fragen zu beantworten, wurden im September und Oktober 2019 im Rahmen einer Online-Umfrage 655 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes aus 16 führenden Industrienationen – Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Polen, Russland, Schweden, Spanien, Südkorea, USA und Vereintes Königreich – befragt.

Befragt wurden leitende Verantwortliche in der Produktion oder der Geschäftsführung der Unternehmen. Die meisten Teilnehmenden der Online-Umfrage kommen aus Unternehmen in China 11 %, gefolgt von Unternehmen in Polen 9 % sowie Deutschland 8 % und Mexiko 8 %. Fast 40 % der Teilnehmenden stammen aus Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU) mit weniger als 250 Beschäftigten und 36 % aus großen Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten.

Nutzung agiler und offener Entwicklungsmethoden – Deutschland ist Schlusslicht

Die Tabelle „Einsatz agiler Entwicklungsmethoden nach Ländern“ zeigt, dass gut 70 % der befragten Unternehmen agile Entwicklungsmethoden nutzen, fast 80 % wenden designorientierte Entwicklungsmethoden an, etwa 81 % nutzen interne digitale Innovationsplattformen und etwa 75 % setzten auf offene digitale Innovationsplattformen. Dies ergibt einen mittleren Indexwert von 0,76 für den Durchschnitt aller befragten Unternehmen.

In der Spitzengruppe bei der Anwendung dieser Methoden befinden sich Unternehmen in China, Mexiko, Indien und Brasilien mit Indexwerten von 0,85 oder mehr. Die USA und Japan befinden sich im Mittelfeld. Die Länder Frankreich, Schweden, Kanada und Deutschland stellen mit Indexwerten von weniger als 0,6 eine Gruppe von Nachzüglern dar, wobei Deutschland mit einem Indexwert von 0,52 das Schlusslicht bildet.

Spielen strukturelle Unterschiede der Unternehmen eine Rolle?

Bei der Nutzung der abgefragten agilen und offenen Entwicklungsmethoden scheinen deutsche Unternehmen demnach deutlich hinter Unternehmen mit Standorten in anderen Ländern zurückzubleiben. Sie platzieren sich insgesamt signifikant hinter Wettbewerbern wie den USA oder Japan und überaus deutlich hinter den Spitzenreitern China und Indien.

Ist dieser Rückstand in der Nutzung agiler und offener Methoden für die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle eine länderspezifische Besonderheit oder ist er auf strukturelle Unterschiede im Vergleich zu den Unternehmen anderer Länder zurückzuführen? Um diese Frage zu beantworten, wurde ein multiples lineares Regressionsmodell erarbeitet, bei dem der Index des Methodeneinsatzes die abhängige Variable darstellt.

Gleichzeitig wurden im Modell Unternehmenscharakteristika wie die Beschäftigtenzahl, die Branche, die Produktkomplexität, die Seriengröße der Produktion und der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Umsatz– die F&E-Quote – miteinbezogen.

Aus den Ergebnissen der Analyse geht deutlich hervor, dass der Einfluss von Deutschland als Unternehmensstandort auch in diesem Modell signifikant negativ ist. Dies betrifft allerdings nicht nur deutsche Unternehmen, sondern auch Unternehmen aus Kanada, Frankreich, Polen und Schweden, die signifikant unterdurchschnittliche Werte beim Einsatz innovativer Methoden zur Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle aufweisen.

Befragte Unternehmen nach Standort: Der mittlere Umsatzanteil mit digitalen Services und Geschäftsmodellen liegt bei etwa 40 Prozent des Gesamtumsatzes

Die Auswertung nach dem Standort der befragten Unternehmen zeigt, dass der mittlere Umsatzanteil mit digital vernetzten Produkten und Services bei jeweils etwa 40 Prozent des Gesamtumsatzes der befragten Unternehmen liegt. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede nach dem Standort der befragten Unternehmen.

Beim Umsatz mit digitalen Services und datenbasierten Geschäftsmodellen liegen nach eigenen Angaben Unternehmen in Kanada sowie Brasilien, Indien, Südkorea und China mit Quoten von 44 % und mehr vorne. Unternehmen in Deutschland befinden sich bei diesem Indikator nach eigenen Angaben mit 24 % auf dem letzten Rang.

Lässt sich dieser Rückstand allein durch den Standort in Deutschland erklären oder gibt es weitere Strukturmerkmale bei den Unternehmen wie der oben analysierte unterdurchschnittliche Einsatz agiler und offener Entwicklungsmethoden, die das beeinflussen? Um diese Frage näher zu beleuchten, wurde ein multiples Regressionsmodell für den Umsatzanteil mit digitalen Services und Geschäftsmodellen als abhängige Variable gerechnet.

Erklärungsfaktor: Ein geringer Einsatz an agilen Entwicklungsmethoden geht Hand in Hand mit unterdurchschnittlichen Umsätzen bei digitalen Services
Demnach lässt sich der Umsatzanteil mit digitalen Services und Geschäftsmodellen vor allem durch folgende zwei Faktoren erklären:

1. die Forschungsintensität der befragten Unternehmen sowie
2. den oben dargestellten Index des Methodeneinsatzes.

Demnach erzielen Unternehmen, die einen höheren Aufwand für Forschung und Entwicklung betreiben, einen höheren Umsatz mit digitalen Services und Geschäftsmodellen als weniger forschungsaktive Unternehmen. Zudem wirkt sich der Einsatz agiler und offener Entwicklungsmethoden signifikant positiv auf den Umsatzanteil mit digitalen Services und Geschäftsmodellen aus. Daneben liefert der Unternehmensstandort in Deutschland einen signifikant negativen Erklärungsbeitrag ebenso wie ein Unternehmensstandort in Frankreich oder Schweden.

Auch unter Kontrolle aller im Modell integrierten Variablen bleibt damit die Performanz deutscher Unternehmen beim Umsatzanteil mit digitalen Services und Geschäftsmodellen signifikant unterdurchschnittlich.

Deutsche Unternehmen sollten verstärkt agile und offene Entwicklungsmethoden nutzen

„Agile und offene Entwicklungsmethoden scheinen einen signifikant positiven Beitrag zur Fähigkeit der Unternehmen zu leisten, Umsätze mit digital vernetzten Produkten, Services oder Geschäftsmodellen zu generieren. Das zeigen unsere Analysen recht deutlich. Daher ist es bedenklich, dass deutsche Unternehmen bei der Nutzung dieser Methoden im Vergleich zu Unternehmen anderer Industrienationen zurückliegen,“ stellt Kinkel fest.

Es könnte daher ein wichtiger Schritt sein, dass deutsche Unternehmen verstärkt agile und offene Entwicklungsmethoden nutzen, um den Anschluss an die führenden Industrienationen in diesem Bereich nicht zu verlieren.

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Projektbeteiligte des Beitrags

Prof. Dr. Steffen Kinkel ist Professor für Innovationsmanagement, International Management und International Business Networks im Fachbereich Wirtschaftsinformatik der Hochschule Karlsruhe. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Industrie 4.0, digitale Geschäftsmodelle, agile Arbeitsweisen, digital unterstützte Kompetenzentwicklung, KI-unterstützte Arbeits- und Lernsysteme, Produktions- und Innovationsnetzwerke, globale und lokale Wertschöpfungsketten, Offshoring und Re-/Backshoring, Standortbewertung sowie Technologieplanung und -vorausschau.

Im Projekt AgilHybrid erforscht Steffen Kinkel die notwendigen Kompetenzen, Strukturen und agilen Arbeitsweisen für die erfolgreiche Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle sowie Methoden für das arbeitsintegrierte und projektbasierte Lernen.

Sebastian Beiner hat einen Master of Science in Technologiemanagement und einen Bachelor of Engineering in Wirtschaftsingenieurwesen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Karlsruhe und forscht am Institut für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Industrie 4.0, digitale Geschäftsmodelle, agile Arbeitsweisen, Lean Production, Business Model Innovation und Digitalisierung von Prozessen.

Im Projekt AgilHybrid erforscht Sebastian Beiner die Prozesse und Strukturen sowie die Anwendung geeigneter Methoden für die erfolgreiche Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle. Darüber hinaus identifiziert er Merkmale und Kriterien, die ein erfolgreiches Geschäftsmodell charakterisieren.

2022-01-15T11:13:33+01:00Tags: |

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